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Stellen Sie sich vor: Ihre Mitarbeitenden arbeiten nicht offen zusammen, sondern spielen hinter verschlossenen Türen ihre kleinen Machtspiele. Kommt Ihnen das bekannt vor? Die Organisationswissenschaft hat dafür einen Begriff: Mikropolitik.

Die Untersuchung von Mikropolitik liefert die Antwort auf diese Frage. Diese Erkenntnisse sind besonders wertvoll – sowohl für neue als auch für erfahrene Führungskräfte. In diesem Beitrag betrachten wir, was Mikropolitik ist, warum sie existiert und vor allem, wie Sie als Führungskraft souverän damit umgehen und sie konstruktiv für Ihre Ziele nutzen.

Willkommen in der Welt der Mikropolitik

Mikropolitik beschreibt die informellen Strategien und Taktiken, mit denen Menschen in Organisationen ihre Interessen durchsetzen, Einfluss gewinnen oder Entscheidungen in ihrem Sinne beeinflussen. Der Begriff wurde erstmals im Jahr 1961 vom britischen Organisationsforscher und Soziologen Tom Burns [2] geprägt.

Anders als bei der formalen Organisationspolitik (z.B. offizielle Entscheidungswege, Hierarchien) läuft Mikropolitik oft im Verborgenen ab: in Flurgesprächen, durch selektive Informationsweitergabe, durch strategische Allianzen oder auch durch bewusstes Verschweigen.

Die überraschende Wahrheit: Mikropolitik ist nicht immer schlecht

Mikropolitik kann der Organisation auch Vorteile bringen. So fördert sie Innovation, wenn kreative Mitarbeitende sich informell vernetzen und Projekte vorantreiben, die offiziell noch nicht genehmigt sind. Außerdem kann sie Entscheidungsprozesse beschleunigen, wenn wichtige Personen frühzeitig einbezogen werden und mögliche Hindernisse rechtzeitig erkannt werden.

Darüber hinaus kann Mikropolitik wie ein Frühwarnsystem wirken, weil Führungskräfte durch informelle Kanäle erfahren, wo Probleme entstehen oder besondere Aufmerksamkeit nötig ist. So können sie gezielt handeln und Schwierigkeiten frühzeitig vermeiden.

Machtgewinn durch Mikropolitik: Die Vielfalt mikropolitischer Spiele

Der Organisationsforscher Horst Bosetzky [1] beschreibt in seinem Werk „Mikropolitik: Netzwerke und Karrieren“ eine Vielzahl von mikropolitischen Taktiken, die in der täglichen Arbeit von Führungskräften relevant sind. Diese Taktiken sind nicht immer negativ, aber sie können erhebliche Auswirkungen auf die Dynamik und den Erfolg eines Unternehmens haben.

Ein typisches Beispiel für mikropolitisches Verhalten ist das Koalitionsspiel. Hierbei bilden Mitarbeitende Bündnisse, oft außerhalb offizieller Meetings, indem sie sich gegenseitig unterstützen. Dies wird nur problematisch, wenn andere dabei systematisch ausgeschlossen werden. 

Ähnlich funktioniert das Informationsspiel: Wer Informationen selektiv weitergibt, kann Entscheidungen beeinflussen. Wer beispielsweise gezielt Details „vergisst“ oder nur bestimmten Personen zugänglich macht, übt Macht aus, die für andere nicht immer sichtbar ist.

Ein weiteres Spiel ist das Verzögerungsspiel, bei dem Projekte durch endlose Rückfragen oder ausbleibende Freigaben ausgebremst werden – ohne offenen Widerstand. Als Führungskraft ist es wichtig, diese Taktiken zu erkennen und zu verstehen, wie sie das Arbeitsumfeld beeinflussen.

Warum handeln die Mitarbeitenden mikropolitisch?

Die Antwort ist einfach: Weil es sich um Menschen handelt. In Organisationen treffen unterschiedliche Interessen aufeinander, und dabei gibt es nicht immer eine Win-Win-Lösung, wie Oswald Neuberger [3] zeigt. Mikropolitische Dynamiken entstehen besonders durch widersprüchliche Steuerungsprinzipien. Mikropolitik entsteht dort, wo:

  • Ressourcen knapp sind, also Budget, Personal oder Zeit, denn sobald die Frage aufkommt, wer das neue Projekt bekommt, beginnt automatisch der Wettbewerb.
  • Ziele unklar sind, weil schwammige Unternehmensziele dazu führen, dass jede Person versucht, ihre eigene Interpretation durchzusetzen, wodurch Mikropolitik gefördert wird.
  • Unsicherheit herrscht, zum Beispiel bei Umstrukturierungen oder unklaren Zuständigkeiten, sodass viele denken: „Ich muss meine Position stärken, bevor es jemand anders tut.“
  • Dominanzbedürfnisse wirken, sodass manche Kontrolle und Status als Selbstzweck anstreben, während andere es als Machtspiel empfinden.
  • Vertrauen fehlt, insbesondere in toxischen Kulturen, wodurch Mikropolitik zur Selbstverteidigung wird.

Nur wenn Führungskräfte diese Dynamiken erkennen und bewusst steuern, können sie Mikropolitik konstruktiv nutzen und gleichzeitig Konflikte sowie ineffiziente Machtspiele vermeiden.

5 Tipps, um mikropolitischen Phänomenen vorzubeugen und konstruktiv damit umzugehen

Die wirksame Strategie ist wie Aikido: Sie können Mikropolitik nicht verhindern – aber Sie können ein Umfeld schaffen, in dem sie weniger destruktiv wirkt:

  1. Schaffen Sie Transparenz, wo immer möglich. Erklären Sie bei wichtigen Entscheidungen nicht nur das „Was“, sondern auch das „Warum“ und „Wie“. Dokumentieren Sie Entscheidungskriterien.
  2. Bauen Sie Vertrauen auf – authentisch. Halten Sie Versprechen. Seien Sie berechenbar in Ihren Reaktionen. Zeigen Sie, dass Sie Fehler zugeben können.
  3. Fördern Sie eine Kultur des offenen Diskurses. Ermutigen Sie kritische Fragen. Moderieren Sie Konflikte, statt sie zu unterdrücken. Schaffen Sie sichere Räume für kontroverse Diskussionen.
  4. Machen Sie Mikropolitik transparent: Sprechen Sie im Team über informelle Dynamiken. Fragen Sie: „Wie treffen wir hier wirklich Entscheidungen? Was läuft zwischen den Zeilen?“ Nutzen Sie Retrospektiven oder Teamworkshops.
  5. Zuerst schaffen Sie Bewusstsein — Führungskräfte müssen verstehen, warum Veränderung notwendig ist.

Fazit – Sie müssen nicht mitspielen, aber die Regeln kennen

Mikropolitik ist wie ein Schatten, der jede Organisation begleitet. Manchmal nützlich, manchmal zerstörerisch. Manchmal wie ein kleines Manöver, manchmal wie ein „Game of Thrones“ im Büro.

Die schlechte Nachricht: Man kann Mikropolitik nicht völlig verhindern.

Die gute Nachricht: Man kann sie sichtbar machen und konstruktiv gestalten.

Wer als Führungskraft versteht, wie Machtspiele funktionieren, kann sie entkräften, bevor sie Schaden anrichten. Sie müssen nicht selbst zum größten Spieler werden – aber Sie sollten die Spielregeln kennen. Denn am Ende gewinnt nicht der skrupelloseste Taktiker, sondern die Führungskraft, die eine Kultur schafft, in der Transparenz, Vertrauen und Fairness mehr zählen als clevere Schachzüge.

Wenn Sie in Ihrer Rolle als Führungskraft sicher mit Konfliktsituationen und mikropolitischen Dynamiken umgehen wollen, bietet unser Workshop „Zielgruppengerechtes Konfliktmanagement“ praxisnahe Lösungen.

Quellen:

  1. Bosetzky, H. (2019). Mikropolitik: Netzwerke und Karrieren. Springer Fachmedien Wiesbaden.
  2. Burns, T. (1961/1962): Micropolitics: Mechanisms of institutional change. In: Administrative Science Quarterly, 6 (3): 257-281.
  3. Neuberger, O. (2006). Mikropolitik: Stand der Forschung und Reflexion. Zeitschrift Für Arbeits-Und Organisationspsychologie A&O, 50(4), 189-202.