„Leadership is not about titles, positions or flowcharts. It is about one life influencing another.“ Dieser Gedanke von John C. Maxwell, einem der einflussreichsten Experten für Führung, verdeutlicht, dass Führung weniger eine Position als vielmehr eine Wirkung ist. Und genau hier stellt sich eine entscheidende Frage: Wie wirkt Führung auf Sie selbst – nicht nur auf andere?
Sie führen ein schwieriges Mitarbeitergespräch. Eigentlich wissen Sie genau, was gesagt werden muss, doch Ihre Haltung fühlt sich irgendwie falsch an. Sie spielen eine Rolle, die nicht zu Ihnen und Ihrer Persönlichkeit passt. Das Ergebnis: Ihr Gegenüber spürt den Widerspruch, das Vertrauen leidet, und Sie verlassen das Gespräch mit einem unguten Gefühl. Authentische Führung ist das genaue Gegenteil.
In diesem Beitrag schauen wir, was authentische Führung ist, warum sie wichtig ist und vor allem, wie Sie als Führungskraft sie gewinnbringend für Ihre Ziele einsetzen können. Sie ist kein klassischer Führungsstil, sondern eine innere Haltung, die viel im Unternehmen verändern kann: die Wirkung, das Arbeitsklima und die Qualität Ihrer Beziehungen im Team.
Wenn Führung sich falsch anfühlt
Führungskräfte stehen heute unter konstantem Druck. Sie sollen motivieren, Leistung einfordern, Konflikte lösen und dabei stets souverän wirken. Sie sollen gleichzeitig stark und empathisch, entschlossen und offen, professionell und nahbar sein. Deshalb greifen sie zu dem, was funktioniert: zu bewährten Rollen, eingespielten Mustern und erlernten Führungsformeln. Das Problem dabei ist: Je mehr eine Führungskraft eine nicht eigene Rolle spielt, desto weniger wird ihr wirklich vertraut.
Forschungen zeigen, dass genau dieses fehlende Vertrauen einer der stärksten Produktivitätsbremser in Organisationen ist [1].
Wenn Motive, Werte und Verhalten einer Führungskraft nicht übereinstimmen, entsteht Distanz zwischen ihr und den Mitarbeitenden – und damit sinken Engagement, Loyalität und Leistungsbereitschaft des Teams. Dies ist jedoch nicht nur ein Problem der Wirkung nach außen. Es ist auch ein inneres Problem: Wer dauerhaft eine Fassade errichten muss, verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst. Wer seinen Stil so stark an die jeweiligen Situationen anpasst, dass er am Ende nicht mehr weiß, wer sie als Führungspersönlichkeit eigentlich sind.
Daher lohnt sich die Frage: Was wäre, wenn es eine Form der Führung gäbe, die nicht auf Perfektion, sondern auf Echtheit setzt?
Authentische Führung als Haltung, nicht als Technik
Auf dieses Dilemma gibt es eine Antwort: authentische Führung. Laut Fred Walumbwa von Florida International University und Kollegen [2] ist authentische Führung eine typische Verhaltensweise, die auf positiven psychologischen Ressourcen und einem positiven ethischen Klima aufbaut, um Selbstbewusstsein, moralische Integrität, ausgewogenes Urteilen und offene Kommunikation zu fördern.
Das klingt zwar komplex, ist im Alltag jedoch sehr greifbar. Es geht also nicht nur um das Verhalten selbst, sondern auch um die Quelle dieses Verhaltens.
Und genau hier scheitern viele Führungskräfte, da ihr Verhalten zwar angepasst, aber nicht verankert ist. Authentische Führungskräfte wirken überzeugend, weil sie glaubwürdig sind, nicht weil sie perfekt sind.
Damit ist nicht gemeint, impulsiv alles zu sagen, was man denkt. Es geht auch nicht um spontane Ehrlichkeit oder ein ‚Ich bin halt so‘. Es geht vielmehr darum, aus einem klaren inneren Kern heraus zu handeln – mit Selbstkenntnis, moralischer Konsistenz und echter Offenheit im Umgang mit anderen.
Authentische Führung: Vom Tempel des Apolls bis zum modernen Büro
Die Idee, aus dem eigenen Kern heraus zu handeln, ist alles andere als neu. Der Begriff „authentisch“ stammt aus dem Altgriechischen (authentikos) und beschreibt jemanden, der „aus eigener Hand und eigener Vollmacht handelt – ohne Vermittler, ohne fremde Autorität“.
Bereits im antiken Griechenland wurde diese Idee sichtbar: Im Tempel des Apolls in Delphi war der berühmte Aphorismus „Erkenne dich selbst“ eingraviert. Genau an diesem Punkt setzt auch die Philosophie an. Sokrates lehrte, dass ein nicht reflektiertes Leben nicht lebenswert sei. Aristoteles ergänzte, dass ein ethisches Leben dann entsteht, wenn das Handeln mit den eigenen Tugenden in Einklang gebracht wird.
Als psychologisches Konzept umfasst Authentizität vier zentrale Prozesse: Bewusstsein, Selbstwahrnehmung, Verhalten und Umgang mit anderen.
In den 2000er Jahren wurden diese Ideen von den US-amerikanischen Wissenschaftlern Fred Luthans und Bruce Avolio – die den Begriff „Psychologisches Kapital“ geprägt haben – auf Führung übertragen. Sie argumentierten, dass authentische Führung der Grundbaustein aller positiven Führungsformen ist – sozusagen die Wurzel, aus der echte Führungswirkung entsteht [3].
Vier Säulen der Authentischen Führung
Wie Fred Walumbwa und Kollegen zeigen [2], besteht authentische Führung aus vier Säulen, die zusammen ein konsistentes Führungsverhalten ergeben:
- Selbstwahrnehmung: Ich kenne meine Stärken, Schwächen, Werte und meine Wirkung auf andere. Ich überrasche mich nicht ständig selbst.
- Innere moralische Orientierung: Mein Handeln wird durch innere Werte gesteuert, nicht durch Erwartungen von außen, Belohnungen oder sozialen Druck.
- Ausgewogene Umgang mit Informationen: Ich höre mir unterschiedliche Perspektiven an, bevor ich entscheide. Ich suche nicht nur nach Bestätigung meiner bestehenden Meinung.
- Offene Kommunikation: Ich teile meine Gedanken und Haltungen offen mit – angemessen, nicht schrankenlos. Ich bin nahbar, ohne meine Führungsrolle aufzugeben.
Diese vier Elemente wirken als System. Eine Führungskraft, die transparent kommuniziert, aber keine klare Wertebasis hat, wirkt inkonsistent. Eine Führungskraft, die moralisch integer ist, aber keine Selbstwahrnehmung besitzt, bleibt für das Team schwer einschätzbar. Daher funktioniert Authentische Führung nur, wenn alle vier Säulen zusammenwirken.
5 Do’s and Don’ts der Authentischen Führung
Damit Sie diese Erkenntnisse direkt in Ihren Führungsalltag übertragen können, finden Sie hier fünf konkrete Handlungsempfehlungen – jeweils mit dem klaren Gegenstück:
- Entwickeln Sie Selbstkenntnis kontinuierlich. Vertrauen Sie nicht blind auf Ihr Bauchgefühl, ohne es zu hinterfragen. Unreflektierte Impulse sind oft keine authentische Führung – sondern lediglich Gewohnheit.
- Handeln Sie aus inneren Werten. Sagen Sie nicht das, was Ihr Team oder Ihre Vorgesetzten hören möchten, wenn es Ihren eigenen Werten widerspricht. Kurzfristig mag das bequemer sein, langfristig jedoch zerstört es Vertrauen.
- Holen Sie Feedback aktiv ein. Umgeben Sie sich nicht nur mit Menschen, die Ihre Sichtweise bestätigen. Das ist zwar angenehm, führt aber zu blinden Flecken und schlechten Entscheidungen.
- Kommunizieren Sie transparent. Das bedeutet Offenheit, nicht schrankenlose Selbstoffenbarung oder Fassade.
- Verwechseln Sie Authentizität nicht mit Spontaneität oder Ungefiltertheit. „Ich bin halt so“ ist keine Führungsphilosophie – sondern häufig eine Entschuldigung für mangelnde Reflexion.
Entscheidend ist dabei: Nicht einzelne Techniken machen Führung authentisch, sondern die innere Klarheit, aus der heraus sie angewendet werden. Erst wenn Haltung und Verhalten übereinstimmen, entsteht echte Glaubwürdigkeit.
Glaubwürdigkeit bedeutet jedoch nicht immer Authentizität: Während Authentizität durch die vollständige Preisgabe oft den Fokus zu stark auf die Person des Sprechers lenkt, basiert Glaubwürdigkeit auf der Einheit von Inhalt und Vortrag.
Fazit
Authentische Führung ist kein Führungsstil, den man sich einfach überstülpen kann. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines bewussten, kontinuierlichen Prozesses der Selbsterkenntnis. Wer seine Werte kennt, sie konsequent lebt und dabei ehrlich mit anderen umgeht, schafft etwas, das keine Führungstechnik ersetzen kann: echtes Vertrauen.
Denn Mitarbeitende folgen keiner Perfektion. Sie folgen Menschen, denen sie vertrauen.
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Quellen:
- Avolio, B. J., & Gardner, W. L. (2005). Authentic leadership development: Getting to the root of positive forms of leadership. The Leadership Quarterly, 16(3), 315–338.
- Walumbwa, F. O., Avolio, B. J., Gardner, W. L., Wernsing, T. S., & Peterson, S. J. (2008). Authentic leadership: Development and validation of a theory-based measure. Journal of Management, 34(1), 89–126.
- Luthans, F., & Avolio, B. J. (2003). Authentic leadership development. In K. S. Cameron, J. E. Dutton, & R. E. Quinn (Eds.), Positive Organizational Scholarship (pp. 241–258). Berrett-Koehler.