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Selbstreflexion als Führungsstärke – wie innere Klarheit entsteht, ohne sich im Grübeln zu verlieren

Selbstreflexion als Führungsstärke – wie innere Klarheit entsteht, ohne sich im Grübeln zu verlieren

Stellen Sie sich eine typische Führungssituation vor: Ein Meeting ist nicht so gelaufen, wie Sie es sich erhofft hatten. Vielleicht wurden Sie unterbrochen, vielleicht haben Sie sich verteidigt, vielleicht waren Sie zu hart oder zu weich in Ihrer Haltung. Auf dem Heimweg nehmen Sie sich vor, das Erlebte in Ruhe zu reflektieren. Selbstreflexion gilt als professionell, souverän und reif.

Doch je länger Sie darüber nachdenken, desto mehr kippt der Prozess: Aus Reflexion wird Grübeln. Sie analysieren jede Formulierung, jeden Blick, jede Reaktion – und kommen trotzdem keinen Schritt weiter.

Genau hier liegt das Paradoxon moderner Führung: Selbstreflexion ist eines der mächtigsten Führungsinstrumente und zugleich eine der häufigsten Ursachen innerer Blockaden. In diesem Beitrag geht es darum wie sie Selbstreflexion zielführend nutzen, so dass Sie eine innere Klarheit schaffen, statt sich mental zu belasten.

Warum Selbstreflexion für Führungskräfte unverzichtbar bleibt

Führung ist heute weniger Technik als innere Arbeit. Wer andere führt, muss sich selbst verstehen: die eigenen Motive und Werte, versteckte Trigger und blinden Flecken. Ohne diese Selbstkenntnis bleibt Führung reaktiv statt bewusst.

Die Forschung von Ethan Kross, Madeline Ong und Özlem Ayduk zeigt genau das: Führungskräfte, die ihre eigenen mentalen Muster besser verstehen, reagieren flexibler auf Veränderungen und bleiben handlungsfähig, selbst wenn Situationen unklar oder konflikthaft sind [1].

Doch Selbstreflexion ist nicht nur ein individuelles Instrument. Sie wirkt auch sozial. Wenn Führungskräfte ihr eigenes Verhalten besser begreifen, werden sie empathischer, weniger defensiv und offener für andere Perspektiven. Damit verändern sie das Klima im Team, dies oft mehr als durch formale Regeln.

Wenn Selbstreflexion in Grübeln umschlägt

Es wird besonders problematisch, wenn Führungskräfte ein negatives Ereignis ausschließlich aus der Ich-Perspektive betrachten. Ihre Selbstreflexion lautet dann beispielsweise: „Ich habe versagt. Ich war schwach. Ich hätte besser sein müssen.“ In diesem Modus wird das ursprüngliche Ereignis emotional immer wieder neu durchlebt.

Mo Wang von der University of Florida und seine Kolleg:innen zeigen eindrucksvoll, dass Mitarbeitende, die nach belastenden Situationen stark grübeln, diese schlechte Stimmung in den nächsten Arbeitstag mitnehmen. [2]. Die Folge ist geringere Motivation, mehr Reizbarkeit und schlechtere professionelle Urteilsfähigkeit.

Übertragen auf Führung bedeutet das: Wer abends grübelt, führt am nächsten Tag schlechter. Nicht aus Mangel an Kompetenz, sondern aus emotionaler Überlastung.

Der entscheidende Wendepunkt: psychologische Distanz

Die Lösung des Problems der Selbstreflexion liegt in einer Veränderung der Perspektive, die Psychologen als Selbstdistanzierung bezeichnen. Anstatt den Konflikt mit eigenen Augen zu betrachten, sollte man versuchen, ein neutraler Beobachter zu werden. Man kann sich vorstellen, sich selbst von außen oder mit den Augen eines weisen Mentors zu betrachten, der die Situation ohne überflüssige Emotionen beobachtet.

Die Wirksamkeit dieser Methode lässt sich durch die Funktionsweise unseres Gehirns erklären. Wenn wir Distanz schaffen, verringern wir automatisch die Aktivität in den Stresszentren. Stattdessen wird die kognitive Kontrolle aktiviert, die für Logik und strategische Planung zuständig ist.

Ein anschauliches Beispiel dafür ist der sogenannte Batman-Effekt [3]. Es hat sich gezeigt, dass Kinder viel beharrlicher arbeiten und ihre Impulse besser kontrollieren, wenn sie sich in die Lage eines kompetenten Helden versetzen. Durch Distanzierung erhalten wir Zugang zu inneren Ressourcen, die normalerweise durch Angst oder Unsicherheit blockiert sind. Auf diese Weise sind wir nicht mehr Geiseln des Augenblicks und beginnen, die Situation in einem viel größeren Zusammenhang zu sehen.

5 Impulse, mit denen Führungskräfte Selbstreflexion wirksam nutzen

Damit Sie diese Erkenntnisse direkt umsetzen können, helfen Ihnen die folgenden Strategien, Ihre Selbstreflexion strukturiert und lösungsorientiert zu gestalten:

  1. Nutzen Sie die dritte Person. Fragen Sie sich bei der Analyse eines Konflikts nicht „Warum war ich so wütend?“, sondern verwenden Sie Ihren Namen, etwa: „Warum war Thomas in dieser Situation so wütend?“. Diese sprachliche Verschiebung, die persönliche Distanzierung, wirkt wie ein Schutzschild gegen emotionale Überwältigung.
  2. Überlegen Sie sich konkret, welche Bedeutung das aktuelle Problem in einem Jahr oder in fünf Jahren noch haben wird (die zeitliche Distanzierung). Das relativiert die emotionale Überladung.
  3. Suchen Sie das Warum, nicht das Was. Vermeiden Sie es, den Ablauf des Ereignisses wie einen Film immer wieder abzuspielen, sondern konzentrieren Sie sich auf die zugrundeliegenden Mechanismen und Ursachen, um daraus allgemeine Regeln für die Zukunft abzuleiten.
  4. Identifizieren Sie sich kurzzeitig mit einer kompetenten Vorbildperson oder einem Mentor und fragen Sie sich, wie diese Person die Situation bewerten würde (der Batman-Effekt). Die Haltung einer souveränen, innerlich stabilen Führungspersönlichkeit setzt Ressourcen frei, die Ihnen im Zustand der Selbstzweifel oft verborgen bleiben.
  5. Achten Sie im Austausch mit Kollegen darauf, dass Gespräche nicht in kollektives Klagen abgleiten, sondern fordern Sie aktiv eine lösungsorientierte Perspektive ein, um nicht gemeinsam im negativen Erleben steckenzubleiben.

Wenn Sie diese Techniken regelmäßig anwenden, verändern sich durch die stetige Anwendung dieser Methoden nach und nach die Reaktionen des Nervensystems auf Herausforderungen. Dabei ist es nicht das Ziel, Gefühle zu ignorieren, sondern sie als nützliche Informationen für das Wachstum zu nutzen.

Fazit

Selbstreflexion ist ein machtvoller Motor für Wachstum, sofern wir sie als Werkzeug und nicht als emotionale Endlosschleife nutzen. Wenn wir verstehen, wie wir Distanz zu unseren Erlebnissen schaffen, ohne Emotionen zu verleugnen, verwandelt sich belastendes Grübeln in wertvolle Erkenntnis.

So gewinnen Sie durch einfache sprachliche und mentale Techniken die Kontrolle über diesen Prozess zurückgewinnen. Damit wird die Selbstreflexion zu einem echten Wettbewerbsvorteil.

Wenn Sie mehr über wirksame Führungsprinzipien  lernen möchten, bietet unser Workshop Führen mit persönlichem Stil die passenden praxisnahen Ansätze.

Quellen:

  1. Kross, E., Ong, M., & Ayduk, O. (2023). Self-Reflection at Work: Why It Matters and How to Harness Its Potential and Avoid Its Pitfalls. Annual Review of Organizational Psychology, 10(1), 441-464.
  2. Wang, M., et al. (2013). Can’t get it out of my mind: Employee rumination after customer mistreatment and negative mood in the next morning. Journal of Applied Psychology, 98(6), 989.
  3. White, R. E., et al. (2017). The “Batman effect”: improving perseverance in young children. Child Development, 88(5), 1563-1571.
Systemisches Coaching in Hamburg – Coaching, das wirkt

Systemisches Coaching in Hamburg – Coaching, das wirkt

Systemisches Coaching ist aktuell in aller Munde. Doch was genau bedeutet „systemisch“ im Kontext des Coachings? Wie unterscheidet es sich von der klassischen Systemtheorie und welche Vorteile sind damit verbunden?

In diesem Blogartikel gehen wir diesen Fragen nach und zeigen anhand von Beispielen aus unserer Coaching-Praxis, welche Vorteile der systemische Ansatz im Coaching aufweist. 

Grundlagen der Systemtheorie im Coaching

Systemisches Coaching hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen und stellt eine wertvolle Methode zur Unterstützung in Veränderungsprozessen dar.

Das Konzept berücksichtigt die komplexe Lebenswelt des Coachees. Denn beim systemischen Coaching steht die individuelle Situation des Coachees im Fokus.

Der größte Vorteil des systemischen Coaching ist, dass es die individuellen Ansprüche und Deutungen der Person unter dem Aspekt der empfundenen Objektivität akzeptiert und bearbeitet. Damit wird der persönliche Kontext individuell definiert und konstruktivistisch gedeutet.

„Systemisch“ kommt vom griechischen Wort „systema“ (Zusammenhang). Das systemische Coaching beginnt daher mit der Betrachtung der Ausgangssituation, denn diese gilt es zu bearbeiten. Das „Systemische“ bezieht sich im Coaching auf die Zusammenhänge des Veränderungsthemas des Coachees, den sogenannten Kontext des Themas.

Wer oder was hängt mit dem Ist-Zustand zusammen? Was bedeutet das konkret, auch auf einer emotionalen Ebene?

Diese Form des Coachings basiert auf den Prinzipien der Systemtheorie, die besagt, dass Menschen und Organisationen in komplexen Systemen agieren, in denen alle Teile miteinander in Wechselwirkung stehen.

Das systemische Coaching darf jedoch nicht mit Systemtheorien oder systemischer Therapie verwechselt werden.

Eine Systemtheorie erklärt Systeme (zum Beispiel der Physik, Biologie, Soziologie oder anderer Wissenschaften oder der Philosophie) anhand bestimmter Ordnungsmerkmale.

Im Vergleich dazu wird das System in der systemischen Therapie auf die Beziehungen zwischen Menschen beschränkt.

Psychologische Ansätze im systemischen Coaching

Neben der Systemtheorie spielen psychologische Ansätze eine entscheidende Rolle, da moderne Psychologie und systemisches Denken eng miteinander verbunden sind. Bei COAWORKS nutzen wir dabei spezifische psychologische Modelle zur Erklärung und Formung von Verhalten. Dazu gehört z. B. das Zusammenspiel von Motiven, Werten, Erfahrungen und Prägungen.  Auch wirtschaftswissenschaftliche Ansätze wie das Neue St. Gallen Management Modell berücksichtigen systemische Zusammenhänge im und rund um das Unternehmen.

Das systemische Coaching erfordert darüber hinaus eine psychologische Grundhaltung, die sich durch folgende Aspekte kennzeichnen lässt:

  1. Neutralität bedeutet eine bewusste Haltung des Nicht-Bewertens und wertungsfreien Wahrnehmens dessen, was im Moment sichtbar wird.
  2. Allparteilichkeit erfordert Respekt, Anerkennung und freundliche Neugier gegenüber allen Systemmitgliedern eines Kontextes.
  3. Respekt ist jederzeit und absolut gegenüber Personen wichtig, unabhängig vom Beratungs- oder Kontext.
  4. Vorurteilsfreie Wertschätzung beinhaltet die bedingungslose Anerkennung der Ideen, Wertvorstellungen und Konstrukte des Coachees.
  5. Transparenz erfordert klare Rollen für alle Beteiligten.
  6. Der Coach begegnet dem Coachee mit einer Haltung der respektvollen Neugierde.
  7. Der Fokus liegt auf vorhandenen Ressourcen, Kompetenzen und Lösungen des Coachees.
  8. Der Coach arbeitet mit Viel-Perspektivität, da jeder seine eigene Wirklichkeit konstruiert.
  9. Es ist wichtig, konsequent in Beziehungs-, Wechselwirkungs- und Kontextabhängigkeiten zu denken.

Systemisches Coaching: Methoden und Techniken

Systemisches Coaching nutzt eine Vielzahl von Methoden und Techniken, um Coachees dabei zu unterstützen, ihre Perspektiven zu erweitern und nachhaltige Lösungen zu finden.

  1. Aktives Zuhören, Spiegeln und Schweigen sind beim Coaching von grundlegender Bedeutung und schaffen einen sicheren Raum, in dem Coachees ihre Gedanken erkunden können.
  2. Effektives Fragen kann die Perspektiven der Coachees in Frage stellen, verborgene Ressourcen aufdecken und neue Denkweisen anregen.
  3. Visuelle Werkzeuge wie Genogramme, Soziogramme und Rollengramme, Modelle aus der Führungs-, Kommunikations- und Motivationspsychologie helfen Coachees, ihre Beziehungen und Erfahrungen zu visualisieren.
  4. Metaphorische Techniken wie Geschichtenerzählen, Rituale und Psychodrama können ein tieferes Verständnis und eine emotionale Verarbeitung ermöglichen.
  5. Beim Reframing werden Perspektiven geändert, um Probleme in einem neuen Licht zu sehen und positive Veränderungen zu fördern.
  6. Kontextwechsel können den Coachees helfen, sich von einschränkenden Mustern zu lösen und neue Möglichkeiten zu erkunden.
  7. „Reflecting Team“ bietet den Coachees mehrere Perspektiven und fördert so Selbstfindung und neue Erkenntnisse.
  8. Visualisierungen und Skizzen können komplexe Probleme klären und den Coachees helfen, eine neue Perspektive zu gewinnen.
  9. Hypothetische Fragen ermöglichen es Coachees, mögliche Zukunftsszenarien zu erkunden und sich gewünschte Ergebnisse vorzustellen.

Systemisches Coaching gegen Mitarbeiterfluktuation. Ein Beispiel aus der Praxis.

Systemisches Coaching wirkt besonders in der Organisationsentwicklung. Es betrachtet nicht nur das Verhalten, sondern auch die Dynamiken im System und ermöglicht so, Kommunikations- und Interaktionsmuster in Teams sichtbar zu machen und zu verändern.

Ich möchte dies anhand eines Beispiels aus meiner Erfahrung verdeutlichen. Die hohe Fluktuation im mittleren Management eines Bauunternehmens führte zu erheblichen Problemen. Um dem entgegenzuwirken, wurden den Mitarbeitenden individuelle Coachings angeboten. Im Mittelpunkt stand die Entwicklung persönlicher und beruflicher Kompetenzen. Gemeinsam mit dem Coach erarbeitete der Geschäftsführer das Profil des „idealen“ Projektmanagers. Anhand dieses Profils wurden sowohl intern als auch extern Mitarbeiter:innen ausgewählt. Diese ausgewählten Personen arbeiteten dann ebenfalls eng mit einem Coach zusammen. Sie nutzten systemische Coaching-Techniken wie das Erstellen von Soziogrammen und Rollengrammen, um ihre Beziehungen und Rollen im Team besser zu verstehen, und nahmen an Workshops zu metaphorischen Techniken und emotionalen Prozessen teil.

Besonders effektiv war die Integration von Reframing-Techniken in den Coaching-Prozess, die es den Projekt-Managern ermöglichte, ihre Probleme aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und positive Veränderungen zu fördern. Zusätzlich unterstützte der Geschäftsführer die Entwicklung ihrer Manager aktiv, indem er regelmäßiges Feedback gab und konkrete Hilfestellungen bot. Das Resultat war bemerkenswert: Die Mitarbeiterfluktuation sank innerhalb eines Jahres auf null, während die Effektivität der Angestellten signifikant anstieg, was letztendlich zu einer gesteigerten Stabilität und einem höheren Einkommen beitrug.

Dieses Beispiel zeigt, wie systemisches Coaching sowohl auf individueller als auch auf organisationaler Ebene eingesetzt werden kann, um die Mitarbeiterbindung und -Zufriedenheit zu verbessern.

Fazit

Systemisches Coaching bietet sowohl im Einzel- als auch im Teamcoaching enorme Vorteile, indem es individuelle Stärken fördert und gleichzeitig die Dynamik in Gruppen optimiert. Es unterstützt nicht nur persönliche Entwicklung, sondern kann im größeren Rahmen auch zu nachhaltiger Organisationsentwicklung beitragen. Durch die Integration von Coaching auf verschiedenen Ebenen entsteht eine langfristig erfolgreiche und harmonische Arbeitskultur.

Dann erfahren Sie, wie systemisches Coaching für Beruf und Persönlichkeit so hilfreich ist.

Quellen:

  1. Coach und Coachausbildung. CorporateWork Institute.
  2. Kutz, A. (2020). Systemische Haltung in Beratung und Coaching: Wie lösungs-und ressourcenorientierte Arbeit gelingt. Springer Fachmedien Wiesbaden.
  3. Webers, T. (2015). Systemisches Coaching. Springer Fachmedien Wiesbaden.
  4. Wörterbuch. Die Hamburger Schule.